Mittwoch, September 21, 2005

Die Geister die ich rief

Stefan Dietrich erinnert sich in einem lesenswerten Leitartikel in der faz:
Köhler hätte zum Beispiel sagen können: Trotz einer Reihe von Wahlniederlagen der SPD in den Ländern hat mich gerade der Verlauf der Vertrauensabstimmung davon überzeugt, daß der Bundeskanzler im Bundestag weiterhin über eine verläßliche Mehrheit verfügt und sich des Rückhalts seiner Fraktion erfreut. Ich kann daher seiner Bitte, den Bundestag vorzeitig aufzulösen, nicht entsprechen. Sollte er sich nicht in der Lage sehen, seine Reformpolitik fortzusetzen, möge er den Weg frei machen für die Neuwahl des Bundeskanzlers.
...
Zwei Monate später steht das Land zwar immer noch vor denselben "gewaltigen Aufgaben", die Köhler in acht dramatisch kurzen Sätzen umrissen hat, doch die Aussichten, eine Regierung zu bekommen, die sie bewältigen könnte, sind schlechter denn je.
Dieses Ergebnis hat sich Köhler gewiß nicht gewünscht. Doch fatal war schon, daß er sich bei seiner Entscheidung überhaupt von Wünschen leiten ließ. Bei allem Bemühen, keinen Fußbreit vom verfassungsrechtlich sicheren Boden abzuweichen, war unverkennbar, daß er Schröders Neuwahlantrag für ein Geschenk des Himmels an die Partei seines Herzens (die CDU) hielt.
Diejenigen, die mit verve und Hoffnung den dramatischen (und: offensichtlichen!) Ermessensfehler des Präsidenten geradegeredet haben, stehen jetzt vor mit einem Scherbenhaufen und reiben sich die Augen.
Werner Schulz und alle anderen Kritiker können sich für ein "ich hab's immer gesagt" auch nichts kaufen. Und Köhler? Es ist zu hoffen, dass er sich erinnert, wenn jetzt wieder sein Name gerufen wird. In der Ahnenreihe der Präsidenten wird man den Zauberlehrling irgendwo zwischen Carstens und Lübke einsortieren. Zu mehr hat er einfach nicht das Format.

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