Sonntag, September 11, 2005

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Helmut Kramer hat einen Vortrag im Café gehalten.
Das tun wir alle gern mal. Um die vorletzte Jahrhundertwende war es gang und gäbe. Hier liebt dem Cafévortrag allerdings folgender - wenig schmeichelhafter - Sachverhalt zugrunde:

Helmut Kramer war zunächst StA, später RiOLG in Braunschweig. Ihm war bekannt, dass einerseits das LG Braunschweig ein NS-Unrechtsurteil als "mit der damals geltenden Rechtslage vereinbar" aufrechtgehalten hatte (andererseits aber 20 Jahre später in einem Mauerschützenprozess die Radbruchsche Formel bemühte).

Seit den siebziger Jahren setzt sich Kramer intensiv mit der NS-Justiz auseinander, setzte gegen erhebliche Widerstände Seminare bei der Richterakademie durch, knackte Mauern des Schweigens, deckte die NS-Vergangenheit des Nds. Justizministers Puvogel auf (Dissertation:
Die leitenden Grundgedanken bei der Entmannung gefährlicher
Sittlichkeitsverbrecher, Göttingen 1937) und gründete schließlich das Forum Justizgeschichte.

In Wustrau/Brandenburg war Kramer jüngst gebeten worden, als Tagungsleiter der Richterakademie einen Erfahrungsbericht in Sachen Geschichtsaufarbeitung abzugeben. Das jedenfalls wollten die Teilnehmer. Der Veranstalter der Akademie, das (schwarz-gelbe) MJ in Hannover, hat Kramer wissen lassen, dass weder der Beitrag noch Kramer als Tagungsleiter erwünscht seien. Rechtsfolge: Hausverbot.

So hielt Kramer schließlich den Vortrag in einem Café. Tagungsleiter ist er nicht mehr.
Hierzu ein Auszug aus dem Transkript einer Sendung im WDR zum Thema:
Auch im niedersächsischen Justizministerium - seit dem Regierungswechsel 2003 in der Hand der CDU - ist wenig zu erfahren: Die Fortbildungsreferentin Immen verweist an die Pressereferentin Rosendahl, und die erklärt, Helmut Kramer sei aus Altersgründen abgesetzt worden, sie wisse nicht genau, wie alt er sei, doch sicher über siebzig, irgendwann sei halt Feierabend und auch ihr Schwiegervater habe es schwer genommen, als sie ihm erklärt habe, er dürfe nicht mehr Auto fahren. Es könne schließlich ein Unfall passieren.
Umfangreiche Dokumentation der causa beim Forum Justizgeschichte, wo auch der Wortlaut des unerwünschten Vortrags dokumentiert ist (pdf). Kaffee wird jeder selbst kochen müssen.

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