Montag, Februar 13, 2006

Hütchenspieler am Alex-Turm

Gerade hab ich zum ersten mal in meinem Leben die Polizei gerufen. Ich war am Alexanderplatz und lief direkt am Fernsehturm vorbei. Dort bot sich mir dann ein für Berlin leider nicht unübliches Bild: ein grauer Teppich mit drei Pappschachteln umringt von einem Spieler und weiteren Personen, die offenbar dazu gehören. Ziel dieser Manschaften ist es, Touristen reihenweise 50 Euro-Scheine aus der Tasche zu ziehen. Den üblichen Ablauf beschreibt die Berliner Kripo auf ihrer Internetseite. - ebenso die TU-Berlin im Rahmen eines (wohl nicht ganz ernst gemeinten) "Workshop für Firmengründer".

Nachdem ich die "Freunde und Helfer" daraufhin telefonisch über das Geschehen in Kenntnis gsetzt hatte, machte ich mir Gedanken darüber, inwiefern diese Hütchenspiele juristisch greifbar sind (Man weiß ja nie, ob man hierzu nicht mal ne Anwaltsklausur vorgesetzt bekommt). Die Überlegungen waren dann allerdings sehr ernüchternd - technisch betrachtet handelt es sich hier (jedenfalls wenn es mit rechten Dingen zuginge) um kein Glücksspiel im Sinne des § 284 StGB und ein Betrug dürfte nur sehr schwer nachweisbar sein. Entsprechend problematisch ist es dann auch, irgendwelche Gefahrenabwehrmaßnahmen einzuleiten. Das war natürlich äußerst enttäuschend und führte zu dem etwas naiven Gedanken: "Kann doch nicht sein, dass die täglich hunderte von Euro verdienen und der Staat dem hilflos gegenüber steht". Auch der Blick in die Beck-Datenbank brachte hier keine neuen Erkenntnisse - also Google befragt, quasi als letzte Instanz.

Und siehe da - der Berliner Tagesspiegel weiß Rat:
Der Polizei bleibt als Handhabe fast nur das Straßen- und Wegegesetz: Für die Benutzung öffentlicher Verkehrsflächen über den normalen Gebrauch hinaus braucht man eine Sondernutzungserlaubnis, und die hat kaum einer der Spieler. „Das kostet rund 250 Euro Bußgeld für die Ordnungswidrigkeit, und das Spielgeld ziehen wir auch ein“, sagt Fischer. Am vergangenen Sonntag beschlagnahmte die Polizei 300 Euro und schrieb zwei Anzeigen. So macht man den Hütchenspielern wenigstens das Geschäft kaputt – wenn man sie schon strafrechtlich nicht richtig belangen kann.
Das ist natürlich sehr klug und damit kein Wunder, dass ich nicht selbst drauf gekommen bin.

Nachdem man also eine rechtliche Handhabe hat, bleibt nur noch das tatsächliche Problem der Identitätsfeststellung. Die oben erwähnten Hütchenspieler ergriffen nämlich sofort die Flucht, als der Polizeiwagen um die Ecke bog. Zurück blieb ein verblüffter Teenager aus Bielefeld, der gerade um 100 Euro gebracht wurde.

Kommentare:

Rechtsanwalt Carsten R. Hoenig hat gesagt…

Steuerhinterziehung? Damit hat man schon Al Capone "gehängt".

Anonym hat gesagt…

Warum handelt es sich denn nicht um ein Glücksspiel? Weil immerhin der Veranstalter das Geschehen kontrolliert? Ich hätte gedacht, dass es bei der Voraussetzung der Zufälligkeit des Ausgangs auf die Spieler ankommt und nicht auf den Veranstalter?!

Ich habe in Strafrecht jedenfalls gelernt, dass es sich beim Hütchenspiel um Glücksspiel handelt... nur deswegen habe ich die letzten Male (besonders "Unter den Linden") auch immer dazu tendiert, die Polizei zu rufen.
Aber Straßen- und Wegerecht ist ja immerhin auch schon was - und 250 € tun ihnen vielleicht wenigstens ein bißchen leid...

Anonym hat gesagt…

Ich habe diese Spiele einmal genau beobachtet und halte die Darstellung der Polizei für falsch. Die Kugel wird nicht unbemerkt verschwinden lassen, der Trich ist ein anderer:

Es werden die Schachteln hin und her geschoben, dann findet sich jemand, der wetten will. Die allermeisten Leute haben bis dahin das Spiel zutreffend verfolgt, sie wissen, wo die Kugel ist. Jetzt aber gibt es einen Augenblick, in dem die Leute aus Vorfreude unaufmerksam sind oder den Geldbeutel rauskramen. Der Hütchenspieler ist unbeobachtet und spielt einfach noch einen Zug, z.B. während er aus der Hocke aufsteht.

Im Prinzip also wirklich ein Geschicklichkeitsspiel, weil die Leute mangels Konzentration verlieren. In Frage käme vielleicht ein Betrugsdelikt, wenn man den letzten "heimlichen" Zug als eine Art Regelverstoss wertet. Täuschung über die Tatsache, dass die Schachteln noch nicht ihre endgültige Position erreicht haben, sondern nochmal verschoben werden.

Sebast.

Ronny Jahn hat gesagt…

@1: Sie wegen Steuerhinterziehung zu schnappen, wäre natürlich ne Maßnahme... zwar ebenso wie die Sondernutzungsgebühr nicht das worum es eigentlich geht.. aber wenn das Ziel genauso schön erreicht wird, ist das ja egal.

@2: bei der Beurteilung ob es sich um ein Glückspiel handelt oder nicht, kommt es erstmal nicht darauf an, ob betrogen wird - auch dann käme es nämlich nicht auf das Glück (also Zufall) an, sondern einfach nur darauf, welchen Ausgang der Veranstalter wünscht. Entscheidend ist, wie das Spiel ohne Betrug aussähe. Und da hinge der Spielverlauf davon ab, ob meine Augen "flink genug" sind, um zu erkennen, wo die Kugel gerade ist.

@Sebastian: Wie kommst du darauf? Ich habe das Spiel auch ne Weile beobachtet und behielt die Schachteln im Auge. Die Typen schieben die Schachteln unauffällig nach vorne.. vermeintlich nur um sie gerade zu rücken.. aber man sieht schon, dass sie sich mit etwas Geschick die Kugel hinten schnappen könnten und unter eine andere Schachtel packen. Das Problem ist halt nur, man weiß nich, wann sie dies tun. Deine Behauptung, dass die Leute "mangels Konzentration" verlieren, halte ich für ziemlich aus der Luft gegriffen.